Interview mit dem HFV-Chef zum Kreisdialog

In Allgemein, Im Interview by WLZ Sport

Präsident Stefan Reuß hält früheren Saisonstart in Waldeck für möglich

Was bewegt den Waldecker Kreisfußballausschuss? Das erfuhr Verbands-Präsident Stefan Reuß beim sogenannten Kreisdialog am Montag. Vorher beantwortete er Fragen der WLZ

Erster Mann des Verbands: Stefan Reuß, hier beim Finaltag der Amateure 2020 im fast leeren Stadion des FSV Frankfurt© Peter Hartenfelser via www.imago

Bad Arolsen – Zum Kreisdialog wie das Format DFB-weit heißt, saßen am Montagabend die Mitglieder des Ausschusses und das (nicht komplette) Präsidium des Hessischen Fußball-Verbands (HFV) erstmals im Vereisnheim des TuS Bad Arolsen zusammen. Ein Austausch zum Nutzen beider Seiten, wie Reuß sagte.

Herr Reuß, Kreisdialog, was ist das?
Kreisdialog heißt: Wir als Präsidium des Hessischen Fußball-Verbandes kommen mit den Funktionären vor Ort ins Gespräch. Das machen wir schon seit einigen Jahren. Zum einen, um den Kontakt mit den Kreisen zu pflegen. aber auch um uns auszutauschen – über die Themen, die wir gerne vermitteln möchten, und genauso über die Themen, die vor Ort gesehen werden, die vielleicht Sorgen bereiten. Wir treten in einen Dialog, um uns gegenseitig helfen zu können.

Sie sind Landrat eines ländlichen Kreises. Macht es das leichter, die besondere Schwierigkeiten des Fußballs auf dem flachen Land zu verstehen?
Das glaube ich auf jeden Fall. Ich befinde mich in ständigem Austausch mit den Vereinsvertretern im Werra-Meißner-Kreis und glaube, ziemlich gut die Problemlagen im ländlichen Raum zu kennen. Da mein Landkreis zudem mit am stärksten vom demografischen Wandel betroffen ist, habe ich da schon einen guten Blick für.

Die Demografie ist ein Stichwort: Die Waldecker bewegt die hohe Ausstiegsrate, der Dropout der Jugendlichen – insgesamt etwa 40 Prozent der Spieler gehen auf dem Weg von den Bambini zur A-Jugend verloren. Was kann man dagegen tun?
Zuerst muss man genau schauen und darauf die Vereine hinweisen, wann die Dropout-Rate massiv zu steigen beginnt. Das geschieht in der Regel ab dem C-Jugend-Alter. Dann lässt das Interesse nach, andere Sportarten oder Freizeitaktivitäten werden wichtig. Das ist der eine Ansatz. Der andere: Wie können wir die Attraktivität des Fußballs hochhalten? Dazu gehört Qualität im Bereich der Trainerinnen und Trainer sowie Betreuerinnen und Betreuer.

Ein gefühlt uraltes Thema.
Wir stellen trotzdem immer wieder fest, dass sich viele Kinder und Jugendliche sagen: Da gehe ich nicht mehr hin, der hat mich schlecht behandelt, der kann nicht trainieren – es gibt viele Argumente. Wir müssen also in der Aus- und Fortbildung noch besser werden. Vor allem müssen wir den Vereinen aufzeigen, dass es nicht reicht, einfach jemanden zu haben, sondern dass er oder sie Qualität haben muss. Der dritte Punkt ist die Talentförderung.

Inwiefern?
Wir müssen hingucken, was passiert mit den Talenten in den Nachwuchsleistungszentren oder den DFB-Stützpunkten in allen Fußballkreisen. Da werden teilweise Motivationen ausgesprochen, die nicht erfüllt werden können. In diesem Zuge stellt sich die Frage, ob uns nicht auf diesem Wege ebenfalls viele Kinder verloren gehen.

Warum glauben Sie das?
Wenn das Talent den Anspruch nicht erfüllen konnte, sieht es sich vielleicht als Verlierer und schämt sich, wieder in den Verein zurückzukehren.

Gruppenbild vor Vereinsheim: Die Mitglieder des Kreisfußballausschusses und des Verbandspräsidiums vor Beginn des Kreisdialogs in Bad Arolsen. Vorn rechts Präsident Stefan Reuß.© Gerhard Menkel

In den ländlichen Vereinen besteht oft genug die Schwierigkeit, überhaupt genügend Kinder oder Jugendliche zu finden, um eine Mannschaft zu stellen. Müsste man ihnen nicht mit neuen Spielmodellen entgegen kommen?
Auf jeden Fall. In den Ballungszentren, vor allem im Rhein-Main-Gebiet, können wir mitunter den Jugendlichen nicht genug Spielmöglichkeiten bieten, weil so viele zum Fußball wollen. Manche Vereine haben schon Aufnahmestopps verhängt. Das gibt es im ländlichen Raum nun überhaupt nicht. Folglich haben wir die Aufgabe, nach anderen Spielformen zu schauen. Spielgemeinschaften mit zehn, zwölf Vereinen helfen nicht weiter. Stattdessen müssen wir sehen, dass wir auch mit weniger Spielern den Spielbetrieb aufrechterhalten können, Stichwort Norweger Modell.

In Waldeck wird der Mangel an Schiedsrichtern gravierender. So viele C-Liga-Spiele wie in dieser Saison sind noch nie unbesetzt geblieben. Der Verbandstag hat zwar die Berechnung des Schiedsrichtersolls reformiert. Damit ist aber kein einziger neuer Schiedsrichter gewonnen.
Das ist korrekt. Der Beschluss ist ein Entgegenkommen – auch die Vereine haben ja oft genug angeführt, dass die Bestrafungen nicht sofort einen Schiedsrichter mehr bringen. Mit der Reform honorieren wir, wenn Schiedsrichter über das normale Maß hinaus Spiele leiten.

„Wir kommen in vielen Spielklassen mit den Ansetzungen nicht mehr hinterher“.

Honorieren insofern, dass nicht mehr die Zahl der Schiedsrichter entscheidend ist, die ein Verein stellen muss, sondern die Zahl der gepfiffenen Spiele.
Wir sagen damit: Wichtig ist, dass die Spiele geleitet werden. Das Grundproblem ist damit nicht gelöst: Wir haben in den letzten Jahren knapp 1500 Schiedsrichter verloren. Ziemlich dramatisch. Wir kommen in vielen Spielklassen mit den Ansetzungen nicht mehr hinterher.

Was kann der Verband tun?
In unserer ersten Präsidiumssitzung nach dem Verbandstag haben wir auf den Weg gebracht, dass wir eine neue, wie auch immer geartete Attraktivitäts- und Werbekampagne für den Schiedsrichterbereich starten wollen. Ich bin überzeugt davon, dass es bei der Gewinnung von Schiedsrichtern nicht um Spesen und sonstige Dinge geht, sondern um Akzeptanz, Respekt, um Wertschätzung geht. Das können wir vom Verband nicht allein vermitteln, auch jeder Verein muss für sich überlegen, dass er diese Wertschätzung rüberbringt. Zusätzlich würden wir gern gezielt in die Schulen gehen. Beispielsweise könnte eine Schiedsrichter-Tätigkeit im Zeugnis vermerkt werden. Sie ist für die Persönlichkeitsbildung schon gut.

Als soziale Kompetenz.
Genau. Ob so etwas ein Ansatz wäre, darüber müssen wir mit dem Kultusministerium sprechen. Der zweite Punkt sind die Alterseingruppierungen.

Also: Schiedsrichter gehen später in den Ruhestand.
Im DFB gab es ja die große Diskussion darüber, dass für Spitzenschiedsrichter mit 47 Schluss ist. Das gilt auch für die Hessenliga. Dabei zeigt die Entwicklung seit Jahrzehnten, dass die Menschen deutlich länger fit bleiben als früher. Wenn also jemand fit ist und die Leistung bringt, warum sollte er also ab einem festgelegten Alter ausscheiden?

Der Verbandstag hat die Gebühren für die Vereine erhöht, die das Soll nicht erfüllen. Ist das eine „zusätzliche Motivationsspritze“, wie im „Hessenfußball“ stand, oder nicht doch eher ein Druckmittel?
Na ja, beides. Es ist eben auch ein Hinweis, dass es sich einige Vereine zu einfach machen – und zwar dergestalt, dass Schiedsrichter abgeworben werden. Das hilft uns nicht weiter. Wir geben in den höheren Gebühren außerdem einen deutlichen Fingerzeig: Indem wir die Grundlagen des Pflichtsolls geändert haben, sehen die Vereine, wie viele Schiedsrichter sie in Anspruch nehmen und erkennen hoffentlich, dass sie dafür auch selbst etwas tun müssen.

„Dass eine Liga früher die Saison beginnt, sollte man zulassen“

In Waldeck, wo im Herbst und Frühjahr die Plätze oft nicht bespielbar sind, wünscht sich der Fußballausschuss mehr Flexibilität im Spielbetrieb und würde zum Beispiel gern früher in die Saison starten. Können Sie sich das vorstellen?
Ja, aber das ist nicht so einfach. Alle Rahmenterminkalender, vom internationalen über den des DFB bis zum hessischen, hängen zusammen. Es geht um Auf- und Abstiegsregelungen und wer bis wann welche Leistungen erbracht haben muss. Das muss man sich genau anschauen. Immer schon ein Thema war die Sommerpause: Wochen mit gutem Wetter, in denen wir kein Fußball spielen, während wir viele Spieltage in der Jahreszeit haben, in der es hier im Waldeckischen oft kalt und nass ist. Da wäre mehr Flexibilität tatsächlich wünschenswert. Es ist dabei auch das Verständnis der Vereine gefragt.

Was meinen Sie damit?
Sie müssen damit einverstanden sein, dass wir die Sommerferien oder die Sommerpause insgesamt für Spiele nutzen. Wenn dann eine komplette Liga beispielsweise drei Wochen früher beginnt und dafür früher aufhören will, sollte man das zulassen. Wir sind schließlich im Amateurbereich.

Die Hallensaison steht vor der Tür. Die Pandemie scheint weitgehend im Griff zu sein, ist aber nicht vorbei. Welches Vorgehen empfiehlt der HFV?
Zunächst schauen wir uns die Regelungen der Halleneigentümer an, also meist der Landkreise und kreisfreien Städte. Es geht ja nicht nur um Fußball, sondern auch um viele andere Sportarten. Also muss ja geregelt sein, ob 2G gilt oder 3G, wie viele Zuschauer zugelassen sind usw. Für meinen Landkreis Werra-Meißner haben wir eine klare Vorgabe gemacht.

Wie sieht sie aus?
Wir haben die maximale Zahl der Zuschauer und die 3-G-Regelung festgelegt. Vereine können aber auch nur 2G zulassen. Bei Tagesturnieren machen wir Vorgaben für die Lüftung der Hallen. Das wären auch die Empfehlungen des Verbandes: mindestens 3G, und wo es umsetzbar ist, kann man auf 2G gehen.

Zur Person

Stefan Reuß (50) wurde in Kassel geboren, nach dem Abitur studierte er Wirtschaftspädagogik, arbeitete als Dozent für Volks- und Betriebswirtschaftslehre, ehe er 2006 erstmals zum Landrat im Werra-Meißner-Kreis gewählt wurde – das Amt gibt er auf und wechselt 2022 zum Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen. Der Vater von zwei Kindern brachte es im Fußball zum Spitzenschiedsrichter, seit 2016 ist er Präsident des Hessischen Fußball-Verbands. Im September wurde er wiedergewählt. ( mn)

Quelle

WLZ Sport

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Die Waldeckische Landeszeitung ist die Heimatzeitung des TSV/FC Korbach und unterstützt den Verein seit vielen Jahren u. a. mit redaktionellen Beiträgen und Spielberichten. Redakteure: Gerhard Menkel, Manfred Niemeier, Armin Hennig u.a.

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